Aktuelle Predigt

Predigt für den 2. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2020:

 

Mt 11,25-30:

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Liebe Gemeinde,

Im Jahr 1795 ließ ein Gastwirt in Paris den gerade verlesenen V. 28 in Latein über die Eingangstür seines Gasthauses schreiben: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid… ego vos restaurabo“.

So lauten die letzten Worte, „ich will euch erquicken“.

Eine Einladung von Jesus, die dieser Gastwirt für sich übernommen hat. Denn darin sah er seinen Auftrag, so wollte er sich offensichtlich selbst verstehen:

Als einer, bei dem müde und belastete Menschen erquickt werden, freundlich empfangen, ihr Durst, ihr Hunger wird gestillt, sie haben Zeit zum Ausruhen und gehen dann später wieder gestärkt an Leib und Seele ihrer Wege.

Dieser Gastwirt hat bei Jesus gelernt und hat diesem Jesus-Wort eine ganz konkrete Bedeutung gegeben.

Bald darauf schon wurde wegen dieses letzten Wortes über der Tür, dieses Gasthaus als „Restaurant“ bezeichnet, und schnell ist dieser Begriff international geworden – eine gastliche, gast-freundliche Stätte.

Ein erfrischender, vom Sonntagskochen entlastender, Besuch im Restaurant kann uns also deutlich machen, wozu Jesus uns einlädt:

Jesus will uns genau das tun, was jeder gute Wirt seinen Gästen tut. Und das ist ja tatsächlich auch eine Wohltat, wenn man nach einem vollen, anstrengenden Tag – oder einer langen, mühsamen Reise – in ein gepflegtes Haus kommt, freundlich begrüßt und bedient wird, wo man Hunger und Durst stillen und neue Kraft tanken kann.

Jesus will das tun, was jeder gute Wirt seinen Gästen tut, und jeder gute Wirt begegnet seinen Gästen so, wie Jesus uns begegnet: „Ich will euch erquicken.“

Allerdings hat Jesus ausdrücklich einbezogen, was kein Gastwirt auf Erden kann, nämlich dass ich bei ihm Vergebung zugesprochen bekomme für meine Schuld, mein Versagen. Dass er mir meine Lasten tragen hilft.

Dass er mir eine Hoffnung schenkt, die weit über die Hoffnungen dieses Lebens hinausreicht. Dass er mich in eine Beziehung mit dem lebendigen Gott hineinnimmt, die mein Leben trägt.

Darum ist Jesus der gute Gastgeber, der gute Gastwirt schlechthin, ja in Person. „Immer für seine Menschen da“, ist seine Devise. Er ist bemüht um uns, um unser Leben, unseren Lebensdurst, unsere tiefe Sehnsucht nach Frieden. Er hat das sogar mit seinem Leben bezahlt. Ich muss nicht selber zahlen, ja ich könnte all’das, was ich bei Jesus bekomme und erfahre, auch gar nicht selber zahlen. Ich bin eingeladen – auf seine Kosten! Er hat die Rechnung schon längst am Kreuz beglichen.

Und dieser Gastgeber, ruft uns zu:

  1. Kommt her zu mir!

Damals, vor 2000 Jahren, haben die Leute unglaublich unter dem frommen Druck gelitten, den die Pharisäer gemacht haben. Sie wollten den Alltag von der Wiege bis zur Bahre unter Gottes heiliges Gebot stellen und damit den Weg zu Gott freimachen.

Jede Lebenssituation sollte geregelt sein.

Lieber ein Verbot mehr als eins zu wenig!

Im Alten Testament: 248 Gebote und 365 Verbote – und man legte das streng aus: alles gilt! Ein Wald von Schildern, die meisten rot. Eine unglaubliche Last. Große Angst das Ziel nicht zu erreichen.

Und Jesus? Der sagte in Richtung der Pharisäer: „Sie binden schwere, unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern“ (Mt 23,4).

Und er ruft: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Denn mein Joch ist sanft…“

2000 Jahre später, heute – wer darf sich davon angesprochen fühlen?

Selbstverständlich jeder und jede von uns! Auch wenn unsere Situation mit der damals nicht zu vergleichen ist.

Aber Lasten, die kennen wir auch. Lenkt Eure Aufmerksamkeit mal kurz auf Eure Schultern. Kreist einmal nach vor und einmal zurück. Gibt es gerade etwas, was auf Euren Schultern lastet?

Auf vielen Schultern liegt so viel Verantwortung.

Für die Kinder. Für das Haus. Für den Hof. Für ein Projekt. Wie ein schwerer Rucksack zieht die Verantwortung an den Schultern, bis es so richtig weh tut zwischen den Schulterblättern.

Auf vielen Schultern liegen Geschichten, die wir nicht so leicht loswerden: Geschichten schwer wie Blei, Geschichten vom Verlieren, vom Alleinsein oder vom Alleingelassenwerden. Geschichten, die uns lähmen.

Ja wohl auf den meisten Schultern liegt etwas, ziehen Lasten in Rucksäcken und Umhängetaschen; oder Lasten an einem dieser altertümlichen Tragegestelle: an einem Joch. Oben hat es einen Querbalken mit einem Polster, links und rechts hängen gefüllte Eimer dran.

Was andere tragen, stelle ich oft fest, ist viel schwerer als meins. Trotzdem ist mir auch meines an manchen Tagen zu schwer, und ich denke: Ich muss eine Pause machen, muss, bevor ich weitergehen kann, den Rucksack einmal heruntertun, einmal mich hinsetzen und durchschnaufen, die Schultern erst hängen lassen und dann kreisen, einmal vorwärts, einmal zurück.

Jesus legt jetzt nicht noch eins drauf, sondern er will uns befreien davon. Er will uns tragen helfen.

Sein „Kommt her zu mir“- ist wie der Refrain bei einem Lied. Immer neu ruft er uns zu sich. „Alle, die ihr mühselig und beladen seid“… und dann steht da wörtlich übersetzt: “Ich will euch Pause machen lassen, ich will euch ausruhen lassen.“

Musiker wissen, wie wichtig die Pausen sind. Wie unerträglich Musik ist, die ohne Pausen durchläuft. Wie wichtig in all den Harmonien und Klängen und manchmal auch Disharmonien die Ruhe ist.

Deshalb ist dieser Ruf von Jesus auch eine Einladung an uns, Pause zu machen. Jesus ist kein Sklaventreiber, sondern er lädt und zur Pause ein.

Zur schöpferischen Pause. Denn dort, wo wir zur Ruhe kommen, fängt Jesus an zu wirken. Dort, wo wir auf unser Tun verzichten, steht Jesus mit seinem Tun für uns ein.

Das Kreuz erinnert uns: Jesus ist nicht nur für schöne Worte gut. Der uns zu sich ruft, ist in die Lasten und Mühen dieser Welt gekommen. Der uns einlädt, hat sich den ganzen „Zerbruch und Schutt“ aufhalsen lassen. Warum?

Damit er uns in Kontakt mit seinem himmlischen Vater bringt.

Oft, meist in fordernden Zeiten, sagen liebe Freunde zu mir und vermutlich auch zu Euch: „Tu dir mal was Gutes“. Dieser Satz tut auch gut, weil da Fürsorge mitschwingt – die unausgesprochene Frage: „Könnte es sein, dass gerade alles ein bisschen viel für dich ist ist?“ Tu dir doch mal was Gutes!

Es tut immer gut das zu hören. Manchmal braucht es so einen Anstoß, um auf die eigenen Bedürfnisse aufmerksam zu werden oder auf die eigenen Grenzen. Machen muss ich es dann aber doch immer selber. Auch eine Kunst, die gelernt sein will: mir selbst etwas Gutes zu tun. Die Kunst nicht zu sagen: Für mich braucht es das nicht.

In unserem Bibelwort ist es aber noch mal anders. Hier muss ich mir nicht selbst etwas Gutes tun. „Kommt her zu mir“, sagt Jesus. „Ich will euch erquicken.“ Ich bin derjenige, der das kann und der das macht. Das seid ihr nicht selbst. Eure Bedürfnisse und eure Grenzen kenne ich besser als ihr.

Und es gibt Dinge, wesentliche Dinge, die könnt ihr euch nicht selber geben. Ihr könnt sie nicht kaufen, könnt sie euch nicht einfach irgendwo holen oder mitnehmen. Ihr seid darauf angewiesen, dass ihr sie geschenkt bekommt. Dazu bin ich da. Ich will euch erquicken.

Dieser Satz hat eine ganz andere Kraft als der Satz:

Tu dir etwas Gutes. Denn Jesus sagt: Ich tu dir etwas Gutes. Das hat eine andere Qualität. Zu wissen:

Ich muss mich nicht selbst darum kümmern, dass mir etwas Gutes getan wird. Er tut es. Denn er ist mit dem Himmel verbunden, mit Gott, dem Vater, so stark, so unmittelbar, dass nichts sie trennen kann: „alles ist mir übergeben von meinem Vater“, sagt er. Was ihr bei mir bekommt, das kommt alles von meinem Vater, das sind alles Geschenke des Himmels. Gott Vater und Sohn suchen die Beziehung – zu dir, zu mir.

Deshalb die schöne Einladung ins „Restaurant“: zum Abladen und Auftanken, zum Aufatmen und Ausruhen.

Aber dann geht es noch weiter. Nach dem „Kommt her zu mir“, sagt Jesus:

  1. Lernt von mir!

Das war noch nicht alles, nach Teil A kommt Teil B. Ja, wer A sagt, muss auch B sagen! Und dann ist es, wie wenn er eine Schiebetür vom Restaurant in einen angrenzenden Raum öffnet und da stehen – Schulbänke.

Und Jesus sagt: Nun lernt auch von mir.  Wir dürfen und sollen ein Leben lang seine Schülerinnen und Schüler sein. Ganz am Schluss des Matthäusevangeliums finden wir genau diese zweiteilige Einladung wieder ausgesprochen im Mund des Auferstandenen. Er sagt dort: „Geht hinaus in alle Welt, führt Menschen zum Glauben und tauft sie.“

Das ist Teil A. Aber dann geht es weiter mit Teil B: „Lehrt die Getauften. Lehrt sie zu halten, was ich euch aufgetragen habe.“ Es geht tatsächlich um den Unterricht bei Jesus.

Wenn wir ein bisschen im Matthäusevangelium blättern, sehen wir wie viele relevante Themen angesprochen werden:

da geht’s um den Umgang mit den Eltern, mit Kindern, mit Freunden, mit Gästen, mit Kranken, mit Feinden. Es geht um den Umgang mit dem anderen Geschlecht, mit Scheidung. Es geht um den Umgang mit Geld, mit Arbeit, mit Essen und Trinken, mit Steuern, mit Feiertagen, mit Partys.

Um den Umgang mit eigener Schuld, mit fremder Schuld, mit Misserfolgen, mit Verfolgung und Versuchungen. Um den Umgang mit Gott, dem Beten, mit dem Alten Testament, mit dem Plan Gottes für diese Welt.

Das sind ein paar Stichworte aus dem Lehrplan Jesu – im Grunde unglaublich spannend, wieviel es da zu entdecken, wie viele heilsame Schätze es zu heben gibt.

Denn ja, gerade am Schluss sollten wir nochmal genau hinhören, wenn Jesus weiter sagt und verspricht:

„So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“

Diese Gute Nachricht lautet anders ausgedrückt: Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir, dann findet euer Leben Erfüllung.

Jesus ist nicht irgendein Lehrer, sondern ein einzigartiger. Nicht wie die Schriftgelehrten mit ihren tausend Regeln. Nicht wie der Kontrolleur, der ständig mit seinem Strafzettelblock wedelt. Sein „Joch ist sanft und seine Last ist leicht“. Was er anordnet, ist gut für uns, und was er zu tragen gibt, ist keine neue Last.

„Nehmt auf euch mein Joch“ – ja was unangenehm klingt in unseren Ohren, das entpuppt sich im Licht der Bibel betrachtet als Wiederholung der Einladung.

Das Joch ist ein gern gebrauchtes Bild für Herrschaft.

Jesus sagt: Unterstellt euch meiner Herrschaft und ihr werdet frei sein von den Herren, die euch so viel abverlangen und runterdrücken. Ihr könnt euch abwenden von den vielen unguten Gewohnheiten, die euch so beladen und belasten. All diese Lasten nehme ich euch ab. Für diese Lasten steht euch meine Kraft zur Verfügung. Und ich – ich bin immer bei euch, immer, überall. Das gibt Ruhe mitten im unruhigen Alltag.

Ja, mit Jesus kehrt Frieden ein, sogar wenn’s wieder mal drunter und drüber geht. Es ist wie bei einem Boot: Wenn es an einer Stelle fest im Hafen verankert ist, dann schaukelt es immer noch hin und her auf den Wellen. Aber trotzdem gilt: Es ist festgemacht.

Die Wellen können es hin und herwerfen, aber sie werden es nicht losreißen.

Wenn unser Leben so bei Jesus festgemacht ist, werden wir merken, wie gut es ist, bei ihm zu sein.

Und auch wenn wir Schule nicht immer so prickelnd finden, es tatsächlich Fächer und Lektionen gibt, die uns nicht schmecken, so werden wir doch diesem Lehrer Entscheidendes verdanken. Denn unser Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, die Um- und Irrwege werden uns nicht von IHM wegführen.

Wie die Jünger es einmal auf den Punkt gebracht haben: „Herr, wohin sollten wir sonst gehen…“ (Joh 6,68).

Wir werden nie fertig sein, aber werden uns je länger je mehr nicht vorstellen können, nicht zu seinen Schülerinnen und Schülern zu gehören.

Nach dem Gottesdienst werdet ihr beim Ausgang für Euren Heimweg ein „Ferrero Küsschen“ mitbekommen – die Schokolade als Erinnerung an den freundlichen Gastwirt, bei dem ihr immer neu einkehren dürft.

Und die Nuss darin –  als Erinnerung an den hervorragenden Lehrer, der uns mitunter auch was zum Beißen, sprich zum Bedenken gibt!

Ich bin gespannt, welchen Weg dieser einladende Gastwirt und Lebens-Lehrer Jesus mit Euch und mir in der kommenden Woche geht! Amen.